Streik gegen Sexismus in der Gastro, am 8. März und darüber hinaus!

Seit Jahren formiert sich eine transnationale Streikbewegung gegen sexistische Verhältnisse auf Arbeit, zu Hause und in der Gesellschaft. Letztes Jahr streikten allein in Spanien etwa 5 Millionen Menschen aus Anlass des feministischen Streiks. Inzwischen gibt es in vielen Ländern Bündnisse, die Streikbewegung wird eine globale, weil sich nur so etwas ändert. Auch in Deutschland arbeiten wir darauf hin in den nächsten Jahren so viele zu werden bis uns zugehört wird. Mit diesem Aufruf wollen wir zeigen, dass es auch in der Gastronomie einige Gründe dafür gibt und wir bitten dich unsere Sichtweise kurz anzuhören.

Auch wenn viel passiert ist in den letzten Jahrzehnten, die gleichen Chancen haben Menschen unterschiedlicher Geschlechter in dieser Gesellschaft noch lange nicht. Die Rollenbilder mit denen wir aufwachsen, die soziale Akzeptanz für unser Dasein, die Gewalt- und Diskriminierungserfahrungen die wir machen, unsere Berufschancen. Das alles und vieles mehr ist immer noch verschieden und beeinflusst uns und unser Leben meist mehr als uns lieb ist. Dies wird an einigen Beispielen aus der Gastronomie deutlich:

1. Sexuelle Belästigung und Arbeit

Gerade Barkeeperinnen und Kellnerinnen werden das kennen: Sexistische oder objektivierende Sprüche, Aufdringlichkeiten bis hin zu Grabschereien. Nicht selten bekommen wir von unseren Chef_innen dabei nicht nur keine Unterstützung sondern erfahren von ihnen gar dieselbe Behandlung.

Oft nervt es als Frau oder trans Person auf der Straße unterwegs zu sein. Wenn du spät nachts Feierabend hast wird das nicht besser. Auch hier müssen wir uns nach der Arbeit noch mit übergriffigem Verhalten auseinandersetzen statt einfach abzuschalten.

Abgesehen davon werden wir auf Arbeit auch desöfteren mit übergriffigem und diskriminierendem Verhalten von Kund_innen untereinander konfrontiert (ja nach Art des Betriebes selten oder täglich).

Um mit all dem sinnvoll umzugehen, brauchen wir Schulungen und Weiterbildungen, und zwar in der Arbeitszeit und bezahlt.

2. Aussehen ist Geld, Aussehen kostet

In nicht wenigen Betrieben gibt der angenommene „Geschmack“ der heterosexuell-männlichen Kundschaft Ausschlag darüber, ob frau überhaupt eingestellt wird oder nicht. Wenn du es dann “geschafft” hast, ist im Job die Investition in Schminke und Klamotten ausschlaggebend dafür, wie viel Geld du mit nach Hause nimmst – gerade dort wo du ohne das Trinkgeld nicht auskommst. Das Ganze ist aber nicht billig, „Frauenklamotten“ und „Frauenhaarschnitte“ im Durchschnitt immer mehr als die „Männerversionen“ – obwohl Männer im Durchschnitt 22% mehr verdienen.

Wenn du trans bist verstärkt sich dieser Effekt noch weil du ohne entsprechendes Passing sogar größere Probleme hast einen Job zu finden.

3. Prekäre Arbeit und Sexismus sind gute Freunde

Diese finanzielle Mehrbelastung setzt sich aber fort, Frauen und trans Personen haben auch höhere Gesundheits- und Hygienekosten. Kleines Detail: Tampons und Binden werden mit 19% Mehrwertsteuersatz besteuert (im Gegensatz zu 7% auf z.B. Kaffee.), als wären es keine für die Grundversorgung nötigen Dinge.

Die Möglichkeiten, innerhalb der Gastronomie mehr finanzielle Unabhängigkeit und soziale Sicherheit zu erlangen, sind gering. Meist bleibt nur die Branche zu wechseln oder sich in einem umkämpften Markt selbst als Chef_in zu versuchen und neue, prekäre Arbeitsplätze zu schaffen – meist mit geringem Erfolg.

Gerade verschärfen sich diese Unsicherheiten noch dadurch, dass in immer mehr Gastronomien die Gewerbeanmeldung (und damit i.d.R. die Scheinselbstständigkeit) von uns gefordert wird. Nicht nur, dass uns mit dieser Beschäftigungsform unsere Rechte auf Urlaub, Bezahlung im Krankheitsfall, gewerkschaftliche Rechte usw. flöten gehen. Wir können auch fristlos gekündigt – oder besser abbestellt werden. Damit hebelt diese Beschäftigungsform insbesondere auch den Schwangerschaftsschutz aus. Wenn wir dann noch mitdenken, dass nicht jede Schwangerschaft freiwillig, ggf. sogar durch eine Vergewaltigung entsteht, und, dass Schwangerschaftsabbruch offiziell immer noch illegal und gesellschaftlich stigmatisiert ist (siehe die Entgleisungen eines Herrn Spahn), wird das ganze Ausmaß dieser Prekarisierung für Arbeiter_innen, die gebären können, deutlich.

Diese ganzen Faktoren führen dazu, dass wir tendenziell weniger aufmucken, tendenziell mehr Schiss haben und mehr Sorgen wälzen müssen als ein Durchschnittsmann (der uns währenddessen vielleicht gerade ungefragt einen Arbeitsschritt erklärt, den wir schon tausendmal gemacht haben).

All das führt dann auch dazu, dass eine Partnerschaft, vielleicht heterosexuell, vielleicht mit jemanden der im Durchschnitt 22% mehr verdient, eine der gängigsten Möglichkeiten ist, sich – und ggf. auch die eigenen Kinder – sozial abzusichern. In der Elternzeit reden dann Lohnlücke und Ehegattensplitting ein gehöriges Wörtchen mit, wenn es darum geht, wer mit dem Kind zu Hause bleibt. Und dadurch wiederum entsteht ein Loch in der Erwerbsbiografie, ein Loch in den Rentenansprüchen, weitere finanzielle Abhängigkeit vom Partner. Und irgendwann wachen wir dann vielleicht auf und stellen fest, dass wir den Mann neben uns nicht mehr lieben, wir aber Angst davor haben, finanziell vor dem Nichts zu stehen. Partnerschaft gleitet so nicht selten aus dem Reich der Liebe in das Reich der ökonomischen Abhängigkeit.

Die Verschränkung von prekärer Arbeit und gesellschaftlichem Sexismus ist deshalb keine Kleinigkeit, sondern leider etwas, das unsere gesamte Lebensgestaltung mitbestimmt.

5. Vom Aushalten und Spalten

Die Rolle von Frauen eine harmonisierende Rolle in sozialen Kontexten zu spielen, sorgend, gutmütig zu sein – das ist Teil der geschlechtlichen Rollenaufteilung die vielen von uns von klein auf in Familie, Fernsehen, Büchern und selbst durchs Spielzeug vorgelebt wurde – also oft zu einer Zeit, als unsere Bewusstseinsbildung noch ganz am Anfang stand.

Eben jene Rolle steht uns aber auch oft im Weg, wenn wir im Betrieb ungerecht behandelt werden und sich die Arbeitsbedingungen immer weiter verschlechtern, wir aber trotzdem versuchen alle Seiten zu verstehen, den Laden zusammen zu halten, zu harmonisieren. Dabei sollten wir oft vielleicht nicht harmonisieren, uns nicht ständig selbst zurück stellen sondern auch mal auf den Tisch hauen und unser Recht fordern. Nicht selten machen wir auch schlechte Bedingungen so lange mit, bis wir irgendwann ausgebrannt gehen oder heraus geworfen werden, weil wir die Leistung nicht mehr bringen – obwohl wir mit Entschlossenheit, Selbstbewusstsein und eben auch mal mit Konflikt etwas hätten verändern können. Viele Chef_innen sind leider nicht dumm, haben schon ein paar von uns kommen und gehen sehen, kalkulieren damit.

Gleichzeitig stehen uns auch viele andere Spaltungslinien im Wege um gemeinsam die Verhältnisse in der Gastronomie zu verbessern. Viele migrantische Kolleg_innen leben in extremer Armut oder sind gar von Abschiebungen bedroht, dazu kommt noch die Sprachbarriere, die gemeinsame Kämpfe erschwert. Ausgebildete Fachkräfte und langjährige Gastronomiearbeiter_innen sind dafür oft befremdet von der hohen Fluktuation und den Dumpinglöhnen der migrantischen und studentischen Kräfte. Die studentischen Arbeitskräfte wiederum haben oft wenig Identifikation mit ihren Arbeitsstellen und Empathie für die Situation ihrer Branchenkolleg_innen, weil die Arbeit für sie nur eine kleine Zwischenstation im Leben ist. Das heißt auch, dass relative Privilegien (wie eine langfristige Zukunftsperspektive in einer besser bezahlten Branche, die niedrigen Krankenkassenbeiträge oder ggf. auch der eigene, finanziell stabile Hintergrund) nicht reflektiert und im betrieblichen Verhalten mitgedacht werden. Zu allem Überfluss trennen uns in den genannten Gruppen innerhalb der Branche oft auch tiefe ideologische und habituelle Gräben und klassistische, rassistische, sexistische Vorurteile bzw. Gleichgültigkeiten gegeneinander.

Mögliche Forderungen

Wir finden, wir müssen in einen langfristigen Diskussions- aber auch Organisierungsprozess eintreten, um die genannten Probleme anzugehen. Erste Ideen für langfristige Forderungen sind:

  • Scheinselbstständigkeit abschaffen → Sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsformen bei flexibler und selbstorganisierter Arbeitszeiteinteilung
  • Trinkgeld abschaffen, Stundenlöhne hoch! Für die Kundschaft Preisspannen und Solidarkassen!
  • bezahlter Menstruationsurlaub
  • Schulungen und Weiterbildungen (in der Arbeitszeit, bezahlt) bzgl. Umgang mit / Selbstverteidigung bei Diskriminierung und Gewalt
  • Dichtmachen von Läden sexistischer, rassistischer, klassistischer Unternehmer_innen
  • Recht auf Rauswurf diskriminierender Kundschaft für alle Beschäftigten

Aktionsformen zum feministischen Streik

Für den diesjährigen 8. März kommt dieser Aufruf vermutlich zu spät, um sich noch groß in den Betrieben zu einigen und zu organisieren. Wenn ihr trotzdem die eine oder andere Aktion starten wollt, findet ihr auf fau.org eine Streikrechts-Broschüre mit einer Reihe möglicher Aktionsformen und was es rechtlich zu beachten gibt. Die Broschüre könnt ihr unter Mail an faudd@fau.org auch gerne in Print-Form zum Weiterverteilen ordern.

Ansonsten seid ihr vielleicht im Betrieb zufällig alle am 8. März krank, vielleicht gar eine Depressionserkrankung oder Ähnliches. Bei einer solchen Krankschreibung sollte mensch zwar keinesfalls auf Arbeit stehen, draußen unter Leute kommen wird aber von ärztlicher Seite empfohlen. In diesem Falle schaut doch 14-18 Uhr zum feministischen Streikfest auf dem Postplatz vorbei! Dort können wir uns auch über das hier unterhalten.

Ansonsten bestreikt ihr ja vielleicht einfach das Lächeln und die Freundlichkeit – ein immer von uns erwarteter Service, der uns emotional Einiges abverlangt. Macht die Kundschaft darauf aufmerksam, warum ihr diesen Extradienst heute nicht kostenlos leistet. Die Wirkung dürfte spannend sein.

Wir freuen uns auf euch 🙂
Einige Kolleg_innen aus der Gastro,
Mitglieder der Gewerkschaft Freie Arbeiter_innen Union (FAU)

[ssba]