Debatte: Wer streikt beim feministischen und Frauen-Streik?

Ein Diskussionsbeitrag aus der AG Feministische Kämpfe (FAU Dresden)

Zur Transparenz: Momentan sind im F_Streik Netzwerk Dresden überwiegend cis¹ Frauen aktiv.  Einige cis Männer und Andere unterstützen unsere Struktur durch das Herstellen und Mitbringen von Essen, durch Kinderbetreuung und durch Protokollieren.

Trans Frauen sind Frauen – klar. Mit Trans-Diskriminierung sind aber nochmal andere Probleme verbunden, die cis Frauen nicht erleben. Trans Männer erfahren wieder anderes als trans Frauen und auch als cis Männer. Dennoch sind sie Männer. Trans Erfahrungen und Themen und daraus erwachsende Forderungen (lesenswerter Beitrag: Ach, trans Leute gehen arbeiten?!) sind momentan noch unterrepräsentiert, außerdem Themen und Anliegen von nichtbinären Menschen.

Man wird nicht einfach als Frau geboren, man wird Frau, wenn überhaupt, in bestimmten sozialen Verhältnissen. Und es gibt mehr als zwei Geschlechter. Was soll also Frauenstreik oder Frauen*streik oder Feministischer Streik heißen? Einige Menschen fragen sich: Ist das jetzt auch mein Streik oder nicht?

Auch für uns ist nicht klar, wer das eigentlich ganz genau ist, diese “Frauen”, oder was dieses Sternchen taugt. Vielleicht ist das aber auch gar nicht das Wichtigste beim Aufbau einer Streikbewegung, das genau zu sortieren? Sprache ist auch politisch, Sprechen ist ein Handeln. Aber Sprache ist beschränkt, kein Mensch ist eine Bezeichnung. Inklusivität und Solidarität können nicht nur Lippenbekenntnise sein – wir sollten es schaffen, uns über Sprache und Zeichensetzung hinaus tatsächlich praktisch zu unterstützen. Lasst uns das durch Ausprobieren, Kritik, Streit (und wieder Ausprobieren) lernen.

Auch abseits von Geschlecht könnten wir noch diverser sein: Die meisten von uns sind jung und weiß und viele haben studiert, alle bisher auf Treffen Anwesenden sprechen (auch) deutsch – hoffentlich werden wir mit der Zeit (die ja glücklicherweise nicht am 8.März endet) immer diverser.

Denn eine feministische Bewegung wird umso sinnvoller und stärker, je mehr Erfahrungen wir solidarisch zusammenbringen: die spezifischen Erfahrungen von schwarzen deutschen Frauen, von geflüchteten Lesben, von wohnungslosen Frauen, trans Hartz4-Empfängerinnen, bezahlten und unbezahlten Hausarbeiter.innen, behinderten Müttern, Frauen aller möglicher Berufe und Tätigkeiten, von Rentner_innen of Color, die Liste ließe sich endlos fortsetzen.²

Wir versuchen zwar vieles und viele ‘mitzudenken’, aber das kann auch nach hinten losgehen – und im Endeffekt läuft manches nur durch kollektive Selbstorganisation von Leuten, die auf ähnliche Weise von Herrschaft betroffen sind. Sich auch separat zu organisieren hat viele Stärken, u.a. sich nicht als Minderheiten-Stimme auf großen, möglicherweise nicht genug sensiblen Treffen durchsetzen zu müssen. Wenn sich im Streiknetzwerk Menschen organisieren wollen, die sich bislang im F_Streik-Kontext nicht gesehen fühlen, werden wir das unterstützen. Wir möchten hiermit einfach sagen: Wir im F_Streik Netzwerk Dresden sind dafür offen, nein wir finden das wichtig, und werden die Ressourcen, die wir haben, solidarisch teilen. Seid herzlich eingeladen.

Es spricht auch nichts gegen einen Frauenstreik. Es gibt so viele Gemeinsamkeiten zwischen Frauen, so viele frauenspezifische Probleme und Forderungen. Ein Frauenstreik kann wirklich aufzeigen, was Frauen alles leisten, was im Streik u.a. durch Stillstand sichtbar gemacht wird und die eigene Macht erfahrbar macht.

Aber es könnte ebensogut am selben Tag verschiedene Streiks geben! Z.B. einen trans Männer Streik, einen queeren Streik, einen Geschlechtsstreik etc. oder spezifische Initiativen könnten sich Namen geben wie: Ladies Strike Against Sexist Violence, Frauenstreik gegen das Behindertwerden, no body’s binary, Hysterische MILFs streiken jetzt, Migrants’ Strike Against Homophobia, Refugee Women Strike, trans people of color strike, Streik der Alten Weiber, Hurenstreik, Schüler_innen- und böse Mädchen-Streik, … (oder aktuell: Sozialarbeiterinnen_ gegen Sozialkürzungen!)

Es kann auch viele Aufrufe geben, wir haben kein Copyright auf Tag oder Namen oder Aktionsformen. Wir heißen bislang “feministischer und Frauen-Streik”, manchmal machen wir Sternchen, manchmal Unterstriche oder Sonstiges – und es ist klar: Kein Titel kann alle und alles repräsentieren. Das ist weder verwunderlich noch schlimm. Umso mehr marginalisierte Perspektiven sichtbar und hörbar werden, desto stärker kann diese Sache sein – sofern wir es schaffen, uns solidarisch aufeinander zu beziehen und ein bisschen zu koordinieren.

Die entstehende Streikbewegung kann eine von Frauen sein, oder aber eine, die alle diskriminierten Geschlechter einschließt. Sie sollte aber definitiv nicht nur eine für weiße cis Bürgerinnen, sondern eine feministische sein, die die Rechte und Anliegen aller diskriminierten Geschlechter stark macht. Eine, die sowohl patriarchale gesellschaftliche Strukturen als auch individuelle geschlechtliche Identitäten im Blick hat. Und eine, die dabei Rassismus und Klassenherrschaft nicht ignoriert. Gemeinsam können wir Sexismus, die auf Geschlecht bezogene Diskriminierung, Herrschaft, Ausbeutung und Gewalt überwinden. Wie das geht, müssen wir ausprobieren. Wir haben Lust.

¹ Cis ist das Gegenteil von trans, cis Menschen haben also das Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

² Spezifische Erfahrungen meint nicht nur geteilte Diskriminierungserfahrungen, sondern auch einen Reichtum an Strategien und widerständigen Praxen.

 

[ssba]