Nachruf: Werner, du fehlst

Unser Freund Werner ist gestorben. Am Mittwoch, den 17.06.2020, um 10:00 Uhr findet im Urnenhain Tolkewitz, Wehlener Straße 15, Dresden, seine Beerdigung statt.



Wir können nur noch über Werner sprechen, nicht mehr mit ihm. Das fühlt sich falsch an, denn Werner war ein Mensch, dem wir immer alles ins Gesicht sagen konnten. 

Werner hat uns über Jahre begleitet, war immer da. Wer in Dresden auf linken Demonstrationen oder Veranstaltungen der letzten fast 20 Jahre war, kannte ihn – zumindest vom Sehen. Die FAU kannte er, im Gegensatz zu den meisten von uns, schon aus DDR-Zeiten. Bei der Neugründung in Dresden 2011 stand er sofort solidarisch an unserer Seite, hat uns mit Fragen immer wieder gefordert und angespornt.

Werner mochte kein Schwarz-Weiß-Denken, er begnügte sich nicht mit, nein er störte sich entschieden an einfachen Lösungen. Kaum etwas machte ihn in den tausenden Gesprächen am Rande von Demonstrationen, in der Straßenbahn oder im Supermarkt so traurig und wütend wie der mangelnde Wille seiner Mitmenschen die Verhältnisse, in denen sie leben, klar zu analysieren. Werner konnte es nicht ertragen, wenn die Leute sich sehenden Auges verarschen ließen. Aber Werner verurteilte nicht, sondern hörte den Leuten zu, weil er verstehen wollte, warum sich die Leute verarschen lassen.

In seiner kritischen Haltung konsequent, verachtete er Selbstgerechtigkeit, gab sich mit kleinen politischen Erfolgen kaum zufrieden, sondern fragte nach den großen. Vielleicht passend dazu wurde er nie FAU-Mitglied. Er forderte stehts weniger Optimismus in der revolutionären Theorie, mehr langfristige Strategie, gerade in Hinblick auf die historische Übernahme von Revolutionen durch Sozialdemokratie, Bolschewiki und andere „Führer der werktätigen Massen“. Werner forderte auch immer ein, mitzudenken, welche Milieus und Personen in unseren Runden nicht versammelt sind, über die eigene Blase hinaus zu schauen. Er war uns damit immer ein mahnendes Gewissen, stellte die Frage nach Grundlegendem, wo wir uns im Tagesgeschäft zu verlieren drohten, lebte vielen von uns eine allseits kritische Haltung vor und brachte uns damit oft genug voran. Für uns war Werner damit also trotzdem immer ein wichtiger Teil unserer Gewerkschaft, seine Rolle müssen nun wir übernehmen.

Was wir auch von Werner lernen konnten war zuzuhören. Werner wollte immer verstehen, wie Leute zu ihren Haltungen und Taten kommen. Für ihn war sonnenklar, dass ohne ein solches Verständnis keine Änderung der Zustände möglich sein würde. Er hatte immer Geduld für den Standpunkt des Gegenübers, auch wenn er in unseren oft deutlich jüngeren Runden viele Debatten sicher schon tausendmal gehört hatte. Wenn er dann antwortete – und das tat er mit Bedacht und manchmal zu viel Bescheidenheit -, dann mit überraschenden Blickwinkeln, umfangreichen Gedankengängen und Bezügen, die er oft sehr knapp skizzierte. Und er hatte immer einen Literaturtipp parat. Oft kam Werner nach Wochen auf eine vorherige Diskussion zurück oder brachte einem ein gutes Buch zum Thema auf die nächste Versammlung mit. 

An Werner vermissen wir nicht nur einen Mitstreiter, sondern auch einen Freund mit tausend schönen Eigenarten: Viele von uns werden ihn mit seinem kleinen Taschenradio, das er immer dabei hatte, in Erinnerung behalten. Andere denken an sein diebisches Grinsen, wenn er es mit seiner unauffälligen Erscheinung durch die Reihen der Polizei mal wieder direkt an eine Naziroute geschafft hatte, andere an die viel zu wenigen Momente, die wir mit ihm in den Bergen verbrachten, auf die er sich trotz gesundheitlicher Probleme hochkämpfte. Werner nahm sich immer sehr zurück, wollte nie im Mittelpunkt stehen. Werner privat kennen zu lernen, war dadurch oft nicht einfach, und wer es schaffte, wer sein Lachen hörte und mit ihm, der immer auf dem Weg zur nächsten Veranstaltung war, mal eine Stunde in der Abendsonne ein Schwätzchen hielt, der_die freute sich und war oft auch ein wenig stolz darauf. 

Mit Werner ist einer gegangen, der oft in Opposition sowohl zum Zeitgeist als auch der radikalen Linken stand, einer, der Brücken baute zwischen Vereinen wie attac, Projekten wie ColoRadio, Gewerkschaften wie der FAU und dem heute noch aktiven Teil der sozialistischen DDR-Opposition. Werner hat den persönlichen Vorteil immer zu Gunsten des gesellschaftlichen Fortschritts ausgeschlagen in seiner  über 40 Jahre andauernden politischen Aktivität. Nicht viele Menschen setzen sich so für die Gesellschaft ein und doch – oder gerade deswegen – wird er keine Presseartikel, keine prominenten Kondolenzen, kein Mahnmal erhalten – das alles hätte er auch verachtet. 

Werner, ans Jenseits hast du nicht geglaubt, erlaube uns trotzdem diese letzte, persönliche Ansprache. Auf unserer Vollversammlung im März verabschiedeten wir uns in Sorge, nun kam es wirklich so, dass die meisten von uns dich danach nie wieder sahen. Wir hoffen, dass wir dir unsere Freundschaft, unsere Verbundenheit und unsere Dankbarkeit gut zum Ausdruck gebracht haben, als du noch neben uns saßt. Viele Fragen können wir dir jetzt leider nicht mehr stellen.

Deine Erfahrung und dein verschmitztes Lächeln werden in unserer Runde fehlen. Wo du kritisch eingehakt hättest, da müssen wir nun kritisch einhaken, wo du geduldig nachgefragt und zugehört hättest, ist es jetzt umso mehr an uns. Auf dieser Welt hast du keinen Platz mehr, dein neues Zuhause sind unsere Köpfe und unsere Herzen. 

Danke für alles, Werner!





[ssba]